Wie das lettische Verteidigungsministerium am 21. Februar 2017 bekanntgegeben hat, wird es vom österreichischen BMLVS insgesamt 47 Panzerhaubitzen M-109A5Ö erwerben, die zwischen 2003 und 2007 einer Kampfwertsteigerung unterzogen worden sind. Dazu kommen außerdem Rechenstellenpanzer M-109 und Fahrschulfahrzeuge. Je nach Art des Fahrzeugs sollen die Kosten zwischen 60.000 und 140.000 EUR betragen. Die ersten Panzerhaubitzen sollen im Herbst 2017 an Lettland geliefert werden.

Geschichte der M-109A5Ö beim Österreichischen Bundesheer

Die ersten 24 M-109A5Ö wurden nach der Beschaffungsentscheidung im Dezember 1988 in den USA angekauft. Dabei machte Bundesminister Lichal von einer Option Gebrauch, die am 31. Dezember 1988 ausgelaufen wäre. Der Bedarf begründete sich im notwendig gewordenen Ersatz von zwei Bataillonen (38 Stück) der M-109 (Basic), die sich am Ende der Nutzungsdauer befand. Im 1993 erschienenen Wahrnehmungsbericht des Rechnungshofes über das Beschaffungswesen des Bundesheeres wird auf eine Beschaffung von Panzerhaubitzen M-109A5 beim amerikanischen Department of Defense eingegangen. Danach hätte die komplette Flotte, bestehend aus Panzerhaubitzen der Konfigurationen A2, A3 und A5 auf die Ausführung „A6Ö“ gebracht werden sollen. Die „A6Ö“ sollte aus Komponenten von A2, A4, A5, A6 und „einigen ,Austrifizierungen'“ bestehen. Der Rechnungshof warnte vor einer „Kostenexplosion“ und der Einführung einer Konfiguration beim Bundesheer, „die allenfalls über bzw neben dem US-Standard liegt und daher versorgungsmäßig schwierig zu behandeln ist“.

Parallel verfügte das Bundesheer über 18 M-109A2 und 36 M-109. Die HG NEU sah die Verwendung von 108 Panzerhaubitzen bei drei Artillerierregimentern vor. Die nun von Lettland beschafften österreichischen Artilleriesysteme stammen aus Beständen der britischen Rheinarmee: 1993 wurden 102 M-109 A2/A3UK beschafft und 1994/95 in das Österreichische Bundesheer übernommen. Die ersten 27 dieser Panzerhaubitzen trafen Ende April 1994 ein. Ein dritter Auftrag wurde Anfang 1995 realisiert, als das BMLV beim amerikanischen Hersteller United Defense 54 M-109A5Ö bestellte. Mit der Heeresgliederung-NEU wurden das Landwehrstammregiment 52 in Feldbach in das Artillerieregiment 1 übergeleitet und sechs Korpsartilleriebataillone (1 Korpsartilleriebataillon = 3 Batterien mit je 6 Geschützen) gebildet, die mit der M-109A5Ö ausgerüstet werden sollten. Man plante zusätzlich folgende Rüstungsvorhaben:

  • Elektronisches Artilleriefeuerleitsystem (EAFLS) – REALISIERT
    • Das EAFLS/BATT [Batterie] wurde beim Panzerartilleriebataillon 3 erprobt und im Zuge eines Systemintegrationsschießens vom 21. bis 31. Juli 2003 abgenommen. Es bestand aus folgenden Komponenten: Artillerierechner (ATC), Dateneingabe-Ausgabegerät für den Beobachter (COMPACT), Dateneingabe-Ausgabegerät für die Geschütze (GCU). Im Jahr 2000 erteilte das BMLV ESL AIT den Auftrag zur Entwicklung des EAFLS/BAON [Bataillon]. 2004 folgte beim PzArtB3 die Erprobung des EAFLS/BAON und des Rechenstellenpanzers.
Abb. 1: ATC

Abb. 1: ATC (ESL AIT)

Abb. 2: COMPACT (ESL AIT)

Abb. 2: COMPACT (ESL AIT)

Gun Control Unit GCU

Abb. 3: Gun Control Unit (ESL AIT)

Abb. 5: Portable Tactical Computer (ESL AIT)

Abb. 4: Portable Tactical Computer (ESL AIT)

Abb. 6: Gehärteter Drucker (ESL AIT)

Abb. 5: Gehärteter Drucker (ESL AIT)

  • Gefechtsfeldradar – NICHT REALISIERT
  • Schieß- und Aufklärungsradar – NICHT REALISIERT
  • Bombletmunition – REALISIERT
    • Das Militärische Pflichtenheft stammte aus dem Jahr 1992. Darin wurde aufgezeigt, dass die zum damaligen Zeitpunkt im ÖBH vorhandene Munitionsausstattung der Artillerie nur die Bekämpfung von ungepanzerten Zielen erlaube und die Zerstörung gepanzerter Ziele mit Einschränkungen verbunden war. Die Beschaffung wurde 1996 eingeleitet. 1998 und 1999 kaufte das BMLV 12.672 Hohlladungssprengkörpergranaten 92 für ca. 20,86 Mio. EUR. 1997 und 2004 wurden insgesamt 5.500 Übungs-Hohlladungssprengkörpergranaten für ca. 3,7 Mio. EUR beschafft. Bis zur Zerstörung des gesamten Bestandes im Jahr 2008 wurden ca. 1.550 Übungsgranaten verschossen – die Einsatzmunition unterlag einem Verschussverbot. Insgesamt wurden 12.996 Granaten aufgrund der am 3. Dezember 2008 unterzeichneten Convention on Cluster Munitions vernichtet. Die Kosten dafür betrugen ca. 1 Mio. EUR.
  • Navigationsanlagen für die Panzerhaubitze M-109A5Ö – REALISIERT

Diese Vorhaben fanden ihren Niederschlag auch im Situationsbericht 1996:

Im M109-Programm wurde die Feuerkraft der Artillerie bedeutend (und zwar auf das vier- bis fünffache) erhöht; die Artillerie wird geschützmäßig vereinheitlicht und mit dem Artillerie-Aufklärungs- und Schießradargerät, dem Gefechtsfeldradar, dem elektronischen Artillerie-Feuerleitsystem, moderner panzerbrechender Munition und entsprechenden Berge- und Transportsystemen auf einen zukunftsträchtigen Konfigurationsstand gebracht.

Die erste neue M-109A5Ö wurde am 6. Mai 1997 beim Hersteller in den USA fertiggestellt. Es folgte eine Auslieferung von 6 Fahrzeugen pro Monat.

Am 9. Juli 1999 berichtete Verteidigungsminister Fasslabend in einer Anfragebeantwortung, dass bis einschließlich 1998 für Ankauf, Nachrüstung, Modifikation und Kampfwertsteigerung von Panzerhaubitzen M-109A5 bzw. A2 Kosten von rund 2,5 Mrd. ÖS entstanden waren.

Als weiteren Schritt der Kampfwertsteigerung unterzeichnete das BMLV im Dezember 2000 einen Vertrag mit ESL AIT zur Lieferung eines Radiowettersondensystems des finnischen Unternehmens VAISALA. Dieses System wurde im Jahr 2005 mit EAFLS gekoppelt.

Mit der Bundesheerreform ÖBH 2010 begann eine mehr als ein Jahrzehnt anhaltende Reihe von Sparpaketen beim Bundesheer. Der am 7. Juni 2005 vorgelegte Bericht ÖBH 2010 – Die Realisierung, sah die Reduktion folgender Waffengattungen vor:

  • Panzer
  • Panzerabwehr
  • (Panzer-) Artillerie
  • Fliegerabwehr
  • Territoriale Verwaltungselemente
  • Ausbildungseinheiten

Es war die Bildung von drei Aufklärungs- und Artilleriebataillonen in Feldbach (AAB 7), Mistelbach (AAB 3), Allentsteig und Horn (AAB 4) geplant. Diese sollten (auszugsweise) über folgende Fähigkeiten verfügen:

  • Aufklärung, Überwachung und Beobachtung im Rahmen einer Brigade, unter Einsatz von technischen Mitteln unter nahezu allen Sichtbedingungen;
  • Unterstützung der Einsatzführung der Brigade durch indirektes Feuer zur Bekämpfung von ungepanzerten, leicht gepanzerten und gepanzerten Zielen, Ausleuchten und Blenden, mit einer den Brigadebedürfnissen entsprechenden Reichweite und unter nahezu allen Sichtbedingungen;
  • Präzision – Erhöhung der Ersttreffergenauigkeit, geringe Streuung und verbesserte Wirkung;
  • Betrieb eines Datenverbundes, einschließlich Zieldatenaufnahme, -verarbeitung und -bereitstellung;
  • Fähigkeit zur Koordination im Rahmen der Feuerunterstützung;
  • Fähigkeit zum Zieldatenaustausch im internationalen Verbund;
  • Fähigkeit zum Austausch von schießtechnischen Daten zwischen internationalen Artillerieverbänden gemäß ASCA (Artillery Systems Coordination Activities);
  • Fähigkeit zur Führung und Nutzung von fliegenden Aufklärungselementen sowie deren Ergebnisauswertung;
  • Minenschutz für die Beobachtungs- und Aufklärungselemente.

Die AABs sollten folgendermaßen strukturiert werden:

  • Bataillonskommando
  • Stabskompanie
    • 4 Beobachtungstrupps
  • 1. Aufklärungskompanie
    • Aufklärungszug
      • Aufklärungsgruppe
      • Aufklärungsgruppe
      • Aufklärungsgruppe
    • Aufklärungszug
    • Aufklärungszug
  • 2. Aufklärungskompanie
    • Aufklärungszug
    • Aufklärungszug
    • Aufklärungszug
  • 1. Panzerhaubitzbatterie
    • Artilleriezug (4 Geschütze)
    • Artilleriezug (4 Geschütze)
    • Beobachtungstrupp
    • Beobachtungstrupp
    • Beobachtungstrupp
    • Beobachtungstrupp
    • Beobachtungstrupp
  • 2. Panzerhaubitzbatterie
  • Technische Aufklärungskompanie
    • Bodenüberwachungsradartrupp
    • Artillerieortungsradargruppe
    • Drohnen

Die Gliederung wurde zwar umgesetzt, beginnend mit dem Aufklärungsbataillon 3 aus Mistelbach, das 2007 in das Aufklärungs- und Artilleriebataillon 3 übergeleitet wurde, der notwendige Materialzulauf unterblieb aber. Lediglich die Nachfolge des Elektronischen Artillerie Feuerleitsystems wurde durch die Beschaffung von „Combat New Generation“ im Jahr 2010 umgesetzt. Dieses System konnte im Zuge der Güteprüfung im Oktober 2016 abgenommen werden.

Gleichzeitig wurde der Bestand an Panzerhaubitzen bis zum Jahr 2016 dramatisch reduziert. Am 13. Dezember 2010 kündigte Verteidigungsminister Darabos den Verkauf bzw. die Verschrottung von mehr als 500 Panzerfahrzeugen an, darunter 100 Panzerhaubitzen M-109. Der Bestand lag bei 193 Panzerhaubitzen, die bis zum Jahr 2014 auf nur noch 83 abgebaut werden sollten. Am 10. Dezember 2014 gab Verteidigungsminister Klug in einer Anfragebeantwortung den Bestand mit 136 Panzerhaubitzen M-109 und 41 Rechenstellen M-109 an. Die Schriftenreihe der Heerestruppenschule (Bd. 1/2014) gab einen genaueren Überblick über die damals vorhandenen Artilleriegeschütze:

  • 53 Panzerhaubitzen Typ A (langzeitgelagert)
  • 54 Panzerhaubitzen Typ B (54 Stück in den drei AAB)

Parallel planten die Streitkräfte die Einführung einer neu modifizierten Panzerhaubitze M-109A5Ö, genannt Typ C, die durch Einbau des stärkeren Motors aus dem Typ B in die Wanne des Typ A, der Integration der Hardware Combat NG (ETC) und CONRAD, Teilkomponenten der Waffe Typ B in Typ A und ein paar anderen Modifikationen entstehen sollte. Insgesamt sollte das Bundesheer künftig über 40 M-109A5Ö des Typs C verfügen. Die geplanten Einsparungen wurden im Januar 2016 aufgrund von Veränderungen der Bedrohungslage gestoppt.

Bis zum Zulauf von 6 Mini-UAS im Jahr 2016 bildete das einzige technische Aufklärungsmittel ein einzelnes Bodenüberwachungsradar MSTAR, das beim AAB7 in Feldbach genutzt wird. Parallel lief seit der Vertragsunterzeichnung am 29. Dezember 2008 die Beschaffung von 150 Geschützten Mehrzweckfahrzeugen Iveco LMV (+ 75 GMF Iveco als Option), von denen 22 Stück zur Ausrüstung mit einer Beobachtungs- und Aufklärungsausstattung vorgesehen sind. Nach der Auftragsvergabe für die BAA am 29. November 2013 wurde das erste Fahrzeug in dieser Konfiguration anlässlich der Ausmusterungsparade in Wiener Neustadt am 1. Oktober 2016 öffentlich vorgestellt. Davon sollen 6 Stück als Teilersatz der Beobachtungsschützenpanzers A1 bei der Artillerie dienen. Durch die Ausmusterung des Beobachtungsschützenpanzers in den Jahren 2014/2015 enstand eine Lücke bei den Beobachtungsmitteln. Das neue Beobachtungs- und Aufklärungsfahrzeug auf Basis des Iveco LMV kann bei Scharfschießen in der Gefahrenzone 2 (1.200 – 1.600 m rund um den Zielraum) nicht eingesetzt werden. Deshalb begann man beim AAB4 mit Überlegungen, den Rechenstellenpanzer M-109 so umzubauen, dass er durch Einrüstung des Richtungsweisenden Doppelfernrohrs mit Laserentfernungsmesser (RWDL; RichtungsDoppel) aus dem Beobachtungsschützenpanzer A1 in die Luke des Richtkanoniers als Beobachtungsfahrzeug dienen könnte. Ob dieses Vorhaben noch aktuell ist, ist nicht bekannt.

Auch das im Jahr 2000 beschaffte Radiowettersondensystem wurde 2016 einer Modifikation unterzogen, da die Versorgbarkeit der vorhandenen Sonden seit 2010 nicht mehr gegeben war. Einerseits wurden 600 Sonden des Nachfolgemodells RS92 mit zugehörenden Fallschirmen und Ballons gekauft (je 200 Stück von 2017 – 2019) und drei Radiowettersondensysteme (AAB 4, AAB 7, HTS) einer Umrüstung beim Heereslogistikzentrum Graz zugeführt. Die verbleibenden drei Systeme sollen zur Ersatzteilgewinnung ausgeschlachtet werden.

Mit der Struktur ÖBH 2018 bzw. LV 21.1 wurde eine neuerliche Umstrukturierung bei den Artillerieverbänden vorgenommen. Das AAB3 in Mistelbach wird ab 2017 zu einem Aufklärungsbataillon umgegliedert, bestehend aus drei Aufklärungskompanien (Die zwei Artilleriebatterien werden zu einer Aufklärungskompanien zusammengefasst.). Die zwei AABs (AAB 4, AAB 7) werden mit je einer Stabskompanie, zwei Aufklärungskompanien und zwei Artilleriebatterien strukturiert.